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... wir rechnen mit dem Zufall!
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Nachrichtenkarussell aus der Welt der angewandten Statistik: Heiteres, Kurioses, Interessantes.
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Editorial
Unser Onlinejournal
Gesundheit
Mehr Optimismus bei Krebs!
Medizinstatistik: Forschung unter
5-Prozent-Niveau?
Status, Rauchen, Tod und Hoffnung
Politik
Parlamentarische Missverhältnisse
Umwelt
Tschernobyls unfassbare Ausstrahlung
Evolution
Monogamie: männlicher Trieb und weibliche Raffinesse
- ein mathematisches Modell
Medien
Der kalkulierte Kassenschlager
Boulevard
Gott ist der bessere Scheidungsrichter
Lässt sich Eheglück genau berechnen?
Belgischer Euro »gezinkt«?
Unser Onlinejournal
Freiheit ist unser höchstes Gut. Freiheit vollendet die Würde
des Menschen, festigt das Fundament seiner kulturellen Entfaltung und
schafft Unabhängigkeit, ohne Pflicht und Verantwortung in Frage zu
stellen. Freiheit ist Quelle schöpferischer Forschung und Element
unternehmerischen Wirkens. Redaktioneller Zwang - in welcher Form auch
immer - steht dem entgegen. In diesem Sinn werden Inhalte des
Statistiknet-Journals verfasst, sorgfältig recherchiert und
eigenverantwortlich publiziert. So dreht sich unser kleines Karussell
wissenschaftlicher Nachrichten facettenreich, miniaturenhaft und gerne
einmal unbequem. Steigen Sie ein! Vielleicht können Sie in der
endlosen Anwendungsvielfalt den magischen Erfolg einer mathematischen
Theorie spüren: Statistik ist eine der bedeutendsten
Errungenschaften der modernen Wissenschaft. Es kommt nur darauf an, ihre
Instrumente zu beherrschen und richtig zu nutzen.
Eine spannende Zeit wünscht
Ingo Huemer, Geschäftsführer Statistiknet.
In Vorbereitung: »Mit statistischer Textanalyse zum greifbaren
Täterprofil«, »Indische Entwicklungshelfer in
bayerischen Softwareschmieden«, »Scherbencluster im
Pharaonengrab«, »Fehleranalyse optischer Messungen«,
»Mammographie für alle?«, »Österreichische
Wirtschaft: David's Aufstieg«, »Verteilung der Materie im
interstellaren Raum«, »Die Prozessdynamik der
gesellschaftlichen Überalterung«, »Fieberkurve
ostalpiner Gletscher«, »Mangel auf dem Arbeitsmarkt«,
»Effizienzsteigerung bei Finanzprüfungen«,
»Börsenstochastik: Neue, angewandte Handelsstrategien«.
Mehr Optimismus bei Krebs!
Ulm, Heidelberg, Helsinki. Die Lebenserwartung von Krebspatienten ist
höher als bisher allgemein angenommen. Zur Abschätzung dieses
wohl essentiellsten Maßes bei der Bewertung des Fortschritts in
Diagnose und Therapie werden weltweit Langzeitbeobachtungen von 5 bis 20
und mehr Jahren durchgeführt. Damit verzerren aber veraltete Daten
entsprechende Evaluationsmessungen. Mit klassischen Methoden der
deskriptiven Überlebensanalyse sind diese Verfälschungen kaum
zu kompensieren. Deutliche Verbesserungen verspricht die Periodenanalyse,
die unter der Leitung von Prof. Hermann Brenner am Institut für
Epidemiologie der Universität Ulm entwickelt wurde (Brenner,
Gefeller, »Deriving more up-to-date estimates of long term patient
survival«, Journal of Clinical Epidemiology, vol. 50, p. 211-216).
Das iterative Verfahren berechnet die kumulierten relativen
Überlebensraten aus den Daten aller erfassten Krebspatienten
innerhalb eines festen, möglichst aktuellen Beobachtungszeitraums.
Eine überzeugende Demonstration des Verfahrens hat Prof. Brenner an
der Universität Heidelberg vorgelegt: Datenbasis der empirischen
Prüfung ist das ausgezeichnete nationale finnische Krebsregister mit
Daten von über 370.000 Patienten aus einem halben Jahrhundert
(Brenner, Söderman, Hakulinen, »Use of period analysis for
providing more up-to-date estimates of long term survival rates
...«, International Journal of Epidemiology, vol. 31, p. 456-462).
Die Periodenanalyse unterschätzt zwar auch die tatsächlichen
krebsspezifischen Überlebenschancen, führt aber zu deutlich
optimistischeren Ergebnissen als herkömmliche Verfahren und kommt
der Realität am nächsten. An der Verfeinerung der neuen Methode
wird gearbeitet. (IH, snet)
Medizinstatistik: Forschung unter 5-Prozent-Niveau?
Hamburg. Die Qualität der medizinischen Forschung ist in den letzten
Jahren wieder massiv unter Beschuss geraten: Den Medizinern mangle es an
der notwendigen wissenschaftlichen Ausbildung, die dogmatische Jagd nach
Signifikanz auf dem 5-Prozent-Niveau führe sich selbst ad absurdum,
Profilierungssucht und Referenzdruck bedingten nur Masse statt Klasse,
die unheilvolle Dominanz der Pharmaindustrie sei der Nährboden von
Fälschung, Manipulation und Korruption (»Fehler, Lügen,
Schlampereien«, Die Zeit; Dubben, Beck-Bornholdt, »Der Schein
der Weisen«, Rowohlt; DiTrocchio, »Der große
Schwindel«, Campus; Baird, Downie, Thompson, »Clinical Trials
and Industry«, Science, vol. 297, p. 2211; usw.). Die scharfe
Kritik mag zum Teil überzogen sein und selbst auf wackeligen Beinen
stehen, das Kernproblem ist aber seit vielen Jahren unumstritten: Zu
viele medizinisch-statistische Studien enthalten grobe Mängel und
sind absolut unbrauchbar. Die Risiken und Nebenwirkungen für die
Patienten und der enorme Schaden für Forschung und Wissenschaft sind
ebenso wenig abzuschätzen wie die weitreichenden
volkswirtschaftlichen Verluste. Führende Fachzeitschriften haben
inzwischen ihr Peer-reviewed-System verschärft (z.B. das Journal of
the American Medical Association oder das British Medical Journal).
Dennoch, die Wirkung selbst der strengsten Prüfungssysteme wird von
der stetig wachsenden Publikationsflut hinweggefegt, wenn das Problem
nicht endlich an seinen Wurzeln beseitigt wird: Seriöse Forschung in
der Medizin beginnt mit angewandter Mathematik. Sinnvolle Ergebnisse
werden daher nur mit einer breiten fächerübergreifenden
Zusammenarbeit zwischen Statistikern und Medizinern zu erzielen sein.
Niemand wird von einem Statistiker erwarten, dass er ein guter Arzt ist.
Der Umkehrschluss hat sich längst als verhängnisvoller
Trugschluss erwiesen. Daran hat auch der allgemeine Einsatz
ausgeklügelter Statistiksoftware nichts geändert - im
Gegenteil. (FH, snet)
Status, Rauchen, Tod und Hoffnung
Oxford. Vor dem Ersten Weltkrieg war Rauchen chic und vorwiegend unter
den wohlhabenden Schichten verbreitet. Im Zweiten Weltkrieg wurden
Zigaretten unter die Soldaten verteilt, epidemisch erfasste das Nikotin
die Krieg führenden Nationen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind in
Europa etwa ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung Raucher (USA ein
Fünftel). Erfreulicherweise fällt seit Jahren der Raucheranteil
in vielen entwickelten Industrieländern (Quelle: Eurostat, WHO),
aber die soziale Polarisierung unter den Rauchern hat sich überall
vollständig umgedreht. Hohe Raucheranteile weisen heute die sozial
benachteiligten Bevölkerungsgruppen auf: Menschen mit geringer
Bildung, geringem Einkommen und niedrigem beruflichen Status (Cavelaars,
Kunst, Geurts et al., »Educational differences in smoking«,
British Medical Journal, vol. 320, p. 1102-1107; Lee, Crombie, Smith et
al., »Cigarette smoking and employment status«, Social
Science and Medicine, vol. 33, p. 1309-1312; Helmert, Borgers, Bammann,
»Soziale Polarisierung des Rauchens«, Zeitschrift für
Allgemeinmedizin, vol. 76, p. 397-400). Für einkommensschwache
Gruppen wirken sich neben den ungleich höheren finanziellen
Belastungen besonders die gesundheitlichen Folgen stärker aus: Beim
Vergleich der Lebenserwartungen von niedrigster und höchster
gesellschaftlicher Schicht werden für mehr als die Hälfte der
Industrienationen die bestehenden Differenzen auf die unterschiedlichen
Raucherverteilungen zurückgeführt (Quelle: WHO).
Unabhängig von der sozialen Stellung gilt insgesamt: Rauchen ist
tödlich. Im Schnitt senkt der blaue Dunst die Lebenserwartung um 10
Jahre, jeder zweite Raucher stirbt an den direkten Folgen seines Lasters,
jeder vierte bereits in mittlerem Alter und verliert dabei im
Durchschnitt über 20 wertvolle Lebensjahre. Doch es gibt Hoffnung:
Es ist nie zu spät, mit dem Rauchen aufzuhören. Wer mit 30, 40,
50 oder 60 Jahren seine letzte Kippe ausdrückt, gewinnt im Mittel
10, 9, 6 bzw. 3 Lebensjahre zurück (Doll, Peto, Boreham, Sutherland,
»Mortality in relation to smoking«, British Medical Journal).
Alle gesellschaftlichen Bemühungen zur Eindämmung des
Tabakkonsums können nicht früh genug einsetzen: Seit Jahren ist
mit Schrecken zu beobachten, dass das Einstiegsalter der Raucher
kontinuierlich sinkt, insbesondere in den sozialen Problemschichten. (IH,
snet)
Parlamentarische Missverhältnisse
Berlin, München, Wien. Mehr als zwei Drittel der deutschen
Bundesbürger sind überzeugt, dass Bestechlichkeit und
Korruption bei Abgeordneten in Bundes- oder Landtag häufig bis sehr
häufig vorkommen. Das Image von Gemeinderäten ist nicht ganz so
schwer beschädigt. Das hat eine von Reader's Digest Deutschland in
Auftrag gegebene Befragung ergeben. Höchst unterschiedlich werden
hingegen die beruflichen Qualifikationen unserer Volksvertreter
eingeschätzt. Wussten Sie, dass jeder dritte Parlamentarier im
Deutschen Bundestag vor seinem Mandatsantritt Beamter war, die meisten
davon Lehrer oder Beamte im höheren Verwaltungsdienst? Diesen
Berufsgruppen gehört aber weit weniger als ein Prozent der
Bevölkerung an (Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden).
Zusammen mit den Angestellten von Ämtern und Behörden stammen
über vierzig Prozent der Bundestagsabgeordneten aus dem
öffentlichen Dienst, Tendenz weiter steigend. Weitere zehn Prozent
waren Angestellte politischer Parteien, Fraktionen oder
gesellschaftlicher Organisationen. Mit den Abgeordneten aus Kammern und
Verbänden entstammen rund zwei Drittel der Mandatare des Bundestages
der Sphäre Schule, Verwaltung und Politik, bringen also keine
eigenen Erfahrungen aus der alles tragenden Marktwirtschaft in ihre
parlamentarische Arbeit ein. Führungskräfte aus Industrie oder
Finanzwesen sind für die politische Kleinarbeit nicht zu haben,
Arbeiter bleiben historische Ausnahmen - für sie stehen in der
parlamentarischen Realität offenbar nur die Zuschauerbänke im
Plenarsaal bereit. Auf Länderebene sind seit vielen Jahren
ähnliche Missverhältnisse zu beobachten (Patzelt, »Die
erlernten Berufe der Parlamentarier«, Das Parlament). In
Österreich ist die Situation auf allen Ebenen kaum besser. In den
Ratsstuben sind Unternehmer, Handwerker, Gewerbetreibende, Angestellte
oder Arbeiter eher anzutreffen - Lehrer, Beamte und
Verwaltungsangestellte sind aber auch hier meistens mehrfach
überrepräsentiert (Klammer, »Kommunalpolitiker und
Ortsparteien in Österreich«, Trauner Universitätsverlag;
Statistik Austria). Prof. Werner J. Patzelt, Politikwissenschaftler an
der TU Dresden: »Dergestalt ist das politisch-parlamentarische
Biotop gewissermaßen immer inzüchtiger geworden, schon von
seiner Rekrutierungsbasis her verengter auf jene, die immer schon vom
Staat und den ihn tragenden Organisationen leben. Entsprechend stieg das
Risiko, dass der parteipolitisch dann noch weiter verengte
Politikerblickwinkel auf die Wirklichkeit als der einzig
maßgebliche behandelt wird. Dieses Risiko blieb nicht rein
theoretisch: Die politisch-parlamentarische Klasse löste zwar sehr
gut ihre Probleme von Machterlangung und Machterhalt, aber viel weniger
gut die Anpassungsprobleme unserer Wirtschaft und Gesellschaft.
Erstaunlich wäre es, wenn dazu nicht auch die so bemerkenswerte
Wirtschaftsferne der deutschen Parlamentarier beigetragen haben sollte,
welche in deren Berufsprofil kenntlich wird.« (GW, snet)
Tschernobyls unfassbare Ausstrahlung
Tschernobyl, München. Am 26. April 1986 ereignete sich in Block 4
des Kernkraftwerks Tschernobyl der weltweit bislang folgenschwerste
Reaktorunfall. Radioaktive Wolken kontaminierten weite Gebiete zwischen
Moskau und Kiew, erfassten in den darauf folgenden Tagen Skandinavien,
Großbritannien, Mittel-, Ost- und Südeuropa. Am 30. April
wurden in München überhöhte Gammaemissionen registriert.
Von den freigesetzten radioaktiven Isotopen erreichten Jod-131,
Cäsium-137 und Strontium-90 beachtliche Messgrößen. In
Bayern mussten allein aufgrund der Ablagerung strahlender
Cäsium-Isotope vereinzelt Spitzenwerte von über 170 kBq/m²
gemessen werden. Die Landkreise Berchtesgadener Land,
Garmisch-Partenkirchen und Augsburg waren in Deutschland am
stärksten betroffen, in Österreich Teile von Nieder- und
Oberösterreich, Salzburg, Steiermark und Kärnten (Völkel
u.a., »Radioaktive Kontamination der Böden in Bayern«,
Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und
Umweltfragen, 06/1987; De Cort, Kelly, »Atlas of Caesium
deposition on Europe after the Chernobyl accident«, EU-Report
16733). Nach übereinstimmenden Schätzungen betrug jedoch die
durch das Desaster verursachte effektive Äquivalentdosis in
Deutschland und Österreich in den ersten Jahren nach der
Reaktorkatastrophe weniger als 1 mSv. Heute liegt sie bei einem
Tausendstel der natürlichen Strahlenbelastung (Mück,
»Strahlenbelastung, Gesundheitseffekte, Sicherheitsaspekte«,
Österreichisches Forschungszentrum Seibersdorf, OEFZS 4785;
Wurzbacher, »Radioaktive Belastung von Lebensmitteln nach
Tschernobyl«, Umweltnachrichten 91/2001, Umweltinstitut
München e.V.). Seriöse Analysen zu gesundheitlichen
Auswirkungen der vergleichsweise schwach induzierten Radioaktivität
sind sehr schwierig. Ein nahe liegender Forschungsansatz ist die
Beschränkung auf die bestrahlungssensitivste Phase des Menschen: die
ersten 3 Monate seiner Embryonalentwicklung. Toxische Wirkungen
aufgenommener ionisierender Strahlung zeigen sich in erhöhten
Missbildungsraten und ansteigender Säuglingssterblichkeit. Unter
einer Schwellendosis von 50 mSv sollten aber nach geltender
radiobiologischer Lehrmeinung derartig leidvolle Erscheinungen
statistisch nicht nachweisbar sein. Und tatsächlich,
Neugeborenensterblichkeit (Perinatalsterblichkeit) und Totgeburten
entwickelten sich in den achtziger und neunziger Jahren in Deutschland
und Österreich ohne sichtbare Auffälligkeiten kontinuierlich
rückläufig. Doch Hagen Scherb und Eveline Weigelt konnten mit
Hilfe linearer logistischer Regressionsmodelle darstellen, dass die
beobachteten Sterblichkeitsraten zu den erwarteten relativen
Häufigkeiten insbesondere im Jahr 1987 signifikante
Überschüsse aufweisen. In ihren bemerkenswerten Arbeiten
untersuchten sie schließlich den Zusammenhang zwischen
Belastungsverteilung und Sterblichkeit. So wurde beispielsweise deutlich,
dass in den Sterberegistern der erwähnten höher belasteten
bayerischen Verwaltungsbezirke 1987 mehr als doppelt soviel Totgeburten
verzeichnet sind als nach langjährigem Trend erwartet (Scherb,
Weigelt, Brüske-Hohlfeld, »Regression Analysis of Time Trends
in Perinatal Mortality in Germany, 1980-1993«, Environmental Health
Perspectives, vol. 108/2, p. 159-165). Den ersten, international viel
beachteten Hinweis auf überzählige Perinatalsterblichkeit in
Deutschland nach Tschernobyl lieferte eine Arbeitsgruppe um Prof. Jens
Scheer an der Universität Bremen (Lüning, Scheer, Schmidt,
Ziggel, »Early infant mortality in West Germany before and after
Chernobyl«, The Lancet, vol. 334, p. 1081-1083). Körblein und
Küchenhoff modellierten den monatlichen Zusammenhang zwischen
ernährungsbedingter Cäsiumbelastung werdender Mütter und
Neugeborenensterblichkeit und fanden dabei eine zeitliche Verschiebung
von 7 Monaten. Diese Zeitdifferenz spiegelt sich genauso in der
hochsignifikanten Abhängigkeit zwischen lokaler
Cäsiumexposition von Schwangeren und gesteigerten Fehlbildungsquoten
im November und Dezember 1987 in den bayerischen Landkreisen. Die beiden
Wissenschaftler stellten außerdem eine Dosis-Wirkungsbeziehung auf.
Auch ihre Ergebnisse belegen, dass der zitierte Schwellenwert
spätestens nach Tschernobyl seinen dogmatischen Status hätte
verlieren müssen (Körblein, Küchenhoff, »Perinatal
mortality in Germany following the Chernobyl accident«, Radiation
and Environmental Biophysics, vol. 36/1, p. 3-7). Die hier kurz
skizzierten Arbeiten wurden mit ungewöhnlicher Schärfe
kritisiert. Dabei ging es nicht nur mit berechtigten fachtheoretischen
Einwänden zur Sache, denn die politische Brisanz der Arbeiten war
von vornherein klar: Die Unhaltbarkeit der umstrittenen Schwellendosis
beträfe nicht allein die Beurteilung der begrenzten Folgen einer
historischen Katastrophe, sondern generell die Risikobewertung aller
bestehenden Reaktorstandorte. (GW snet)
Monogamie: männlicher Trieb und weibliche Raffinesse - ein
mathematisches Modell
Stockholm. »Männer wollen nur das Eine, Frauen hingegen suchen
echte Partnerschaft« ist ein (weibliches?) Vorurteil oder
vielleicht sogar das Urgeheimnis der Ehe. Zumindest Biologen und
Evolutionstheoretiker hatten bislang noch keine wirklich plausible
Erklärung zur Entstehung der Einehe gefunden. Das hat sich mit der
theoretischen Arbeit von Miguel A. Rodríguez-Gironés und
Magnus Enquist geändert (»The evolution of female
sexuality«, Animal Behaviour, vol. 61(4), p. 695-704). Die beiden
Wissenschaftler integrieren in ihren stochastisch-dynamischen
Optimierungsmodellen Elemente der Spieltheorie und zeigen, wie weibliche
Strategie das ständig paarungsbereite männliche Geschlecht in
Ehe und Pflicht zwingt. Verschleiern nämlich die Weibchen ihren
Fertilitätszyklus und signalisieren sie kontinuierlich
Empfängnisbereitschaft, haben die Männchen praktisch keine
Wahl: Partnerwechsel ist in solchen Populationen biologisch keine gute
Option und selbst polygame Systeme mutieren zur Monogamie. Die neue
Theorie kann grundlegende empirische Beobachtungen besser erklären
als klassische Hypothesen. Das weibliche Geschlecht hat demnach seine
sexuelle Aktivität verstärkt, um sich männliche
Unterstützung zur Nahrungsbeschaffung und Aufzucht der
Nachkommenschaft zu sichern - die Ehe beruht auf weiblicher Taktik. (IH,
snet)
Der kalkulierte Kassenschlager
Los Angeles. Bei Produktionskosten bis über $ 200 Mio. für
einen einzigen Film werden auch in Hollywood alle Anstrengungen zur
systematischen Erfassung des Kapitalrisikos sehr aufmerksam registriert.
Tatsächlich sind in den letzten Jahren zahlreiche wissenschaftliche
Publikationen erschienen, die sich mit der quantitativen
Vorausbestimmbarkeit von Leinwanderfolgen aus der Investorenperspektive
beschäftigen. Übereinstimmend zeigen die statistischen Studien,
dass Starbesetzung allein keineswegs den wirtschaftlichen Erfog einer
Produktion sichert. Erst mit dem Zusammenwirken und der richtigen
Dosierung genrespezifischer Erfolgsfaktoren sind über Filmverleih,
der Vergabe von Fernseh- und Lizenzrechten, Video- und DVD-Verkauf hohe
Kapitalerträge zu erzielen. Die prozentual höchste
Gewinnerwartung spielen nicht die superteuren Megaproduktionen ein,
sondern Spielfilme mit Herstellungskosten zwischen drei und vier
Millionen Dollar. Hier liegen die Chancen für den europäischen
Film. (OJ, snet)
Gott ist der bessere Scheidungsrichter
London. Dr. Mary Ann S., Mathematikerin und Aktuar einer britischen
Versicherungsgesellschaft, war ihrer Ehe nach fast 25 Jahren
endgültig überdrüssig. Bevor sich die kluge Frau an einen
irdischen Scheidungsrichter wandte, errechnete sie aus den neuesten
Sterbetafeln Londons die Überlebenswahrscheinlichkeit ihres
übergewichtigen, herzkranken Mannes für die nächsten
fünf Jahre. Das Ergebnis habe ihr neue Lebenskraft gegeben und sie
in ihrem Glauben an den göttlichen Ratschluss bestärkt, meinte
die praktizierende Christin. Und außerdem werde ihr Gottes
Vorsehung das nicht unerhebliche gemeinsame Vermögen ungeteilt
sichern. - Drei Wochen nach ihrem (un)heimlichen Bekenntnis ist Mary Ann
S. bei einem tragischen Jagdunfall ums Leben gekommen. (OJ, snet)
Lässt sich Eheglück genau berechnen?
Seattle. Aus dem Konfliktlösungsverhalten von mehr als 600 Paaren
hat der erfolgreiche amerikanische Sachbuchautor John Gottmann in einer
20-jährigen Studie eine mathematische Formel zur Berechnung von
Dauer und Glück einer Ehe entwickelt. Gottmanns Ansatz beruht im
Wesentlichen auf der Unterscheidung von drei verschiedenen Streittypen.
Partner gleichen Streittyps lebten in einer stabilen Verbindung, für
Paare ungleicher Streitkultur lasse sich das Ende ihrer Beziehung
vorausberechnen. Kritiker werfen dem selbst ernannten Eheberater grobe
methodische Fehler und Unwissenschaftlichkeit vor. (IH, snet)
Belgischer Euro »gezinkt«?
Warschau, Cambridge. Das deutsche Nachrichtenblatt Die Welt berichtete
zur Einführung des Euro, die polnischen Mathematiker Tomasz
Gliszczynski und Waclaw Zawadowski hätten herausgefunden, dass eine
belgische 1-Euro-Münze das Spiel »Kopf oder Zahl« unfair
entscheide, denn bei 250 Spielen habe sich 140 Mal der massige Kopf des
belgischen Königs Albert gezeigt. Exakt oder mit Hilfe der
Gauß-Approximation (DeMoivre-Laplace Theorem) ließ sich
jedoch leicht nachrechnen, dass unter der Annahme idealer
Münzprägung das polnische Versuchsergebnis oder noch
ungewöhnlichere Abweichungen mit einer Wahrscheinlichkeit von
immerhin 6,6% zu erwarten sind. Eingeschworenen Euroskeptikern war auch
dieses Ergebnis durchaus suspekt. Nun sind die Briten
bekanntermaßen keine Euro-Euphoriker. Aber nur wenige Tage nach
Veröffentlichung der Besorgnis erregenden Meldung wurde aus dem
britischen Königreich ein sehr schöner Beitrag zur Ehrenrettung
der europäischen Münzpräger vorgelegt. Prof. David J.C.
MacKay von der Universität Cambridge zeigte mit Hilfe eines
verallgemeinerten Bayes-Modells, dass der polnische Spielverlauf das
Verhältnis von These zu Antithese immer noch 2:1 zugunsten des Euro
entscheidet. Inzwischen hat sich der Euro nicht nur als Spielgeld
bewährt. Übrigens verbreitete sich damals der erwähnte
Welt-Artikel wie ein Lauffeuer. Europaweit sollen in vielen Redaktionen
belgische Euro-Münzen gekreiselt worden sein, angeblich stets mit
ähnlichen Ergebnissen wie in Polen. - Ach, wie war das doch gleich
mit der sorgfältigen journalistischen Recherche? (IH, snet)
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