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Statistikjournal

Nachrichtenkarussell aus der Welt der angewandten Statistik: Heiteres, Kurioses, Interessantes.

Hinweis: Alle Angaben ohne Gewähr. Jeder Artikel wurde von seinem Verfasser frei redigiert und spiegelt dessen, nach deutschem Grundgesetz geschützte, persönliche Meinung. Für inhaltliche Vollständigkeit oder Richtigkeit wird keine Haftung übernommen. Text dieser Seite ist mit dem Quellverweis »http://www.statistiknet.de/Aktuelles/Statistikjournal.htm« zitierbar.

Editorial
Unser Onlinejournal

Gesundheit
Mehr Optimismus bei Krebs!
Medizinstatistik: Forschung unter 5-Prozent-Niveau?
Status, Rauchen, Tod und Hoffnung

Politik
Parlamentarische Missverhältnisse

Umwelt
Tschernobyls unfassbare Ausstrahlung

Evolution
Monogamie: männlicher Trieb und weibliche Raffinesse - ein mathematisches Modell

Medien
Der kalkulierte Kassenschlager

Boulevard
Gott ist der bessere Scheidungsrichter
Lässt sich Eheglück genau berechnen?
Belgischer Euro »gezinkt«?

Unser Onlinejournal
Freiheit ist unser höchstes Gut. Freiheit vollendet die Würde des Menschen, festigt das Fundament seiner kulturellen Entfaltung und schafft Unabhängigkeit, ohne Pflicht und Verantwortung in Frage zu stellen. Freiheit ist Quelle schöpferischer Forschung und Element unternehmerischen Wirkens. Redaktioneller Zwang - in welcher Form auch immer - steht dem entgegen. In diesem Sinn werden Inhalte des Statistiknet-Journals verfasst, sorgfältig recherchiert und eigenverantwortlich publiziert. So dreht sich unser kleines Karussell wissenschaftlicher Nachrichten facettenreich, miniaturenhaft und gerne einmal unbequem. Steigen Sie ein! Vielleicht können Sie in der endlosen Anwendungsvielfalt den magischen Erfolg einer mathematischen Theorie spüren: Statistik ist eine der bedeutendsten Errungenschaften der modernen Wissenschaft. Es kommt nur darauf an, ihre Instrumente zu beherrschen und richtig zu nutzen.
Eine spannende Zeit wünscht
Ingo Huemer, Geschäftsführer Statistiknet.
In Vorbereitung: »Mit statistischer Textanalyse zum greifbaren Täterprofil«, »Indische Entwicklungshelfer in bayerischen Softwareschmieden«, »Scherbencluster im Pharaonengrab«, »Fehleranalyse optischer Messungen«, »Mammographie für alle?«, »Österreichische Wirtschaft: David's Aufstieg«, »Verteilung der Materie im interstellaren Raum«, »Die Prozessdynamik der gesellschaftlichen Überalterung«, »Fieberkurve ostalpiner Gletscher«, »Mangel auf dem Arbeitsmarkt«, »Effizienzsteigerung bei Finanzprüfungen«, »Börsenstochastik: Neue, angewandte Handelsstrategien«.

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Mehr Optimismus bei Krebs!
Ulm, Heidelberg, Helsinki. Die Lebenserwartung von Krebspatienten ist höher als bisher allgemein angenommen. Zur Abschätzung dieses wohl essentiellsten Maßes bei der Bewertung des Fortschritts in Diagnose und Therapie werden weltweit Langzeitbeobachtungen von 5 bis 20 und mehr Jahren durchgeführt. Damit verzerren aber veraltete Daten entsprechende Evaluationsmessungen. Mit klassischen Methoden der deskriptiven Überlebensanalyse sind diese Verfälschungen kaum zu kompensieren. Deutliche Verbesserungen verspricht die Periodenanalyse, die unter der Leitung von Prof. Hermann Brenner am Institut für Epidemiologie der Universität Ulm entwickelt wurde (Brenner, Gefeller, »Deriving more up-to-date estimates of long term patient survival«, Journal of Clinical Epidemiology, vol. 50, p. 211-216). Das iterative Verfahren berechnet die kumulierten relativen Überlebensraten aus den Daten aller erfassten Krebspatienten innerhalb eines festen, möglichst aktuellen Beobachtungszeitraums. Eine überzeugende Demonstration des Verfahrens hat Prof. Brenner an der Universität Heidelberg vorgelegt: Datenbasis der empirischen Prüfung ist das ausgezeichnete nationale finnische Krebsregister mit Daten von über 370.000 Patienten aus einem halben Jahrhundert (Brenner, Söderman, Hakulinen, »Use of period analysis for providing more up-to-date estimates of long term survival rates ...«, International Journal of Epidemiology, vol. 31, p. 456-462). Die Periodenanalyse unterschätzt zwar auch die tatsächlichen krebsspezifischen Überlebenschancen, führt aber zu deutlich optimistischeren Ergebnissen als herkömmliche Verfahren und kommt der Realität am nächsten. An der Verfeinerung der neuen Methode wird gearbeitet. (IH, snet)

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Medizinstatistik: Forschung unter 5-Prozent-Niveau?
Hamburg. Die Qualität der medizinischen Forschung ist in den letzten Jahren wieder massiv unter Beschuss geraten: Den Medizinern mangle es an der notwendigen wissenschaftlichen Ausbildung, die dogmatische Jagd nach Signifikanz auf dem 5-Prozent-Niveau führe sich selbst ad absurdum, Profilierungssucht und Referenzdruck bedingten nur Masse statt Klasse, die unheilvolle Dominanz der Pharmaindustrie sei der Nährboden von Fälschung, Manipulation und Korruption (»Fehler, Lügen, Schlampereien«, Die Zeit; Dubben, Beck-Bornholdt, »Der Schein der Weisen«, Rowohlt; DiTrocchio, »Der große Schwindel«, Campus; Baird, Downie, Thompson, »Clinical Trials and Industry«, Science, vol. 297, p. 2211; usw.). Die scharfe Kritik mag zum Teil überzogen sein und selbst auf wackeligen Beinen stehen, das Kernproblem ist aber seit vielen Jahren unumstritten: Zu viele medizinisch-statistische Studien enthalten grobe Mängel und sind absolut unbrauchbar. Die Risiken und Nebenwirkungen für die Patienten und der enorme Schaden für Forschung und Wissenschaft sind ebenso wenig abzuschätzen wie die weitreichenden volkswirtschaftlichen Verluste. Führende Fachzeitschriften haben inzwischen ihr Peer-reviewed-System verschärft (z.B. das Journal of the American Medical Association oder das British Medical Journal). Dennoch, die Wirkung selbst der strengsten Prüfungssysteme wird von der stetig wachsenden Publikationsflut hinweggefegt, wenn das Problem nicht endlich an seinen Wurzeln beseitigt wird: Seriöse Forschung in der Medizin beginnt mit angewandter Mathematik. Sinnvolle Ergebnisse werden daher nur mit einer breiten fächerübergreifenden Zusammenarbeit zwischen Statistikern und Medizinern zu erzielen sein. Niemand wird von einem Statistiker erwarten, dass er ein guter Arzt ist. Der Umkehrschluss hat sich längst als verhängnisvoller Trugschluss erwiesen. Daran hat auch der allgemeine Einsatz ausgeklügelter Statistiksoftware nichts geändert - im Gegenteil. (FH, snet)

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Status, Rauchen, Tod und Hoffnung
Oxford. Vor dem Ersten Weltkrieg war Rauchen chic und vorwiegend unter den wohlhabenden Schichten verbreitet. Im Zweiten Weltkrieg wurden Zigaretten unter die Soldaten verteilt, epidemisch erfasste das Nikotin die Krieg führenden Nationen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind in Europa etwa ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung Raucher (USA ein Fünftel). Erfreulicherweise fällt seit Jahren der Raucheranteil in vielen entwickelten Industrieländern (Quelle: Eurostat, WHO), aber die soziale Polarisierung unter den Rauchern hat sich überall vollständig umgedreht. Hohe Raucheranteile weisen heute die sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen auf: Menschen mit geringer Bildung, geringem Einkommen und niedrigem beruflichen Status (Cavelaars, Kunst, Geurts et al., »Educational differences in smoking«, British Medical Journal, vol. 320, p. 1102-1107; Lee, Crombie, Smith et al., »Cigarette smoking and employment status«, Social Science and Medicine, vol. 33, p. 1309-1312; Helmert, Borgers, Bammann, »Soziale Polarisierung des Rauchens«, Zeitschrift für Allgemeinmedizin, vol. 76, p. 397-400). Für einkommensschwache Gruppen wirken sich neben den ungleich höheren finanziellen Belastungen besonders die gesundheitlichen Folgen stärker aus: Beim Vergleich der Lebenserwartungen von niedrigster und höchster gesellschaftlicher Schicht werden für mehr als die Hälfte der Industrienationen die bestehenden Differenzen auf die unterschiedlichen Raucherverteilungen zurückgeführt (Quelle: WHO). Unabhängig von der sozialen Stellung gilt insgesamt: Rauchen ist tödlich. Im Schnitt senkt der blaue Dunst die Lebenserwartung um 10 Jahre, jeder zweite Raucher stirbt an den direkten Folgen seines Lasters, jeder vierte bereits in mittlerem Alter und verliert dabei im Durchschnitt über 20 wertvolle Lebensjahre. Doch es gibt Hoffnung: Es ist nie zu spät, mit dem Rauchen aufzuhören. Wer mit 30, 40, 50 oder 60 Jahren seine letzte Kippe ausdrückt, gewinnt im Mittel 10, 9, 6 bzw. 3 Lebensjahre zurück (Doll, Peto, Boreham, Sutherland, »Mortality in relation to smoking«, British Medical Journal). Alle gesellschaftlichen Bemühungen zur Eindämmung des Tabakkonsums können nicht früh genug einsetzen: Seit Jahren ist mit Schrecken zu beobachten, dass das Einstiegsalter der Raucher kontinuierlich sinkt, insbesondere in den sozialen Problemschichten. (IH, snet)

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Parlamentarische Missverhältnisse
Berlin, München, Wien. Mehr als zwei Drittel der deutschen Bundesbürger sind überzeugt, dass Bestechlichkeit und Korruption bei Abgeordneten in Bundes- oder Landtag häufig bis sehr häufig vorkommen. Das Image von Gemeinderäten ist nicht ganz so schwer beschädigt. Das hat eine von Reader's Digest Deutschland in Auftrag gegebene Befragung ergeben. Höchst unterschiedlich werden hingegen die beruflichen Qualifikationen unserer Volksvertreter eingeschätzt. Wussten Sie, dass jeder dritte Parlamentarier im Deutschen Bundestag vor seinem Mandatsantritt Beamter war, die meisten davon Lehrer oder Beamte im höheren Verwaltungsdienst? Diesen Berufsgruppen gehört aber weit weniger als ein Prozent der Bevölkerung an (Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden). Zusammen mit den Angestellten von Ämtern und Behörden stammen über vierzig Prozent der Bundestagsabgeordneten aus dem öffentlichen Dienst, Tendenz weiter steigend. Weitere zehn Prozent waren Angestellte politischer Parteien, Fraktionen oder gesellschaftlicher Organisationen. Mit den Abgeordneten aus Kammern und Verbänden entstammen rund zwei Drittel der Mandatare des Bundestages der Sphäre Schule, Verwaltung und Politik, bringen also keine eigenen Erfahrungen aus der alles tragenden Marktwirtschaft in ihre parlamentarische Arbeit ein. Führungskräfte aus Industrie oder Finanzwesen sind für die politische Kleinarbeit nicht zu haben, Arbeiter bleiben historische Ausnahmen - für sie stehen in der parlamentarischen Realität offenbar nur die Zuschauerbänke im Plenarsaal bereit. Auf Länderebene sind seit vielen Jahren ähnliche Missverhältnisse zu beobachten (Patzelt, »Die erlernten Berufe der Parlamentarier«, Das Parlament). In Österreich ist die Situation auf allen Ebenen kaum besser. In den Ratsstuben sind Unternehmer, Handwerker, Gewerbetreibende, Angestellte oder Arbeiter eher anzutreffen - Lehrer, Beamte und Verwaltungsangestellte sind aber auch hier meistens mehrfach überrepräsentiert (Klammer, »Kommunalpolitiker und Ortsparteien in Österreich«, Trauner Universitätsverlag; Statistik Austria). Prof. Werner J. Patzelt, Politikwissenschaftler an der TU Dresden: »Dergestalt ist das politisch-parlamentarische Biotop gewissermaßen immer inzüchtiger geworden, schon von seiner Rekrutierungsbasis her verengter auf jene, die immer schon vom Staat und den ihn tragenden Organisationen leben. Entsprechend stieg das Risiko, dass der parteipolitisch dann noch weiter verengte Politikerblickwinkel auf die Wirklichkeit als der einzig maßgebliche behandelt wird. Dieses Risiko blieb nicht rein theoretisch: Die politisch-parlamentarische Klasse löste zwar sehr gut ihre Probleme von Machterlangung und Machterhalt, aber viel weniger gut die Anpassungsprobleme unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Erstaunlich wäre es, wenn dazu nicht auch die so bemerkenswerte Wirtschaftsferne der deutschen Parlamentarier beigetragen haben sollte, welche in deren Berufsprofil kenntlich wird.« (GW, snet)

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Tschernobyls unfassbare Ausstrahlung
Tschernobyl, München. Am 26. April 1986 ereignete sich in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl der weltweit bislang folgenschwerste Reaktorunfall. Radioaktive Wolken kontaminierten weite Gebiete zwischen Moskau und Kiew, erfassten in den darauf folgenden Tagen Skandinavien, Großbritannien, Mittel-, Ost- und Südeuropa. Am 30. April wurden in München überhöhte Gammaemissionen registriert. Von den freigesetzten radioaktiven Isotopen erreichten Jod-131, Cäsium-137 und Strontium-90 beachtliche Messgrößen. In Bayern mussten allein aufgrund der Ablagerung strahlender Cäsium-Isotope vereinzelt Spitzenwerte von über 170 kBq/m² gemessen werden. Die Landkreise Berchtesgadener Land, Garmisch-Partenkirchen und Augsburg waren in Deutschland am stärksten betroffen, in Österreich Teile von Nieder- und Oberösterreich, Salzburg, Steiermark und Kärnten (Völkel u.a., »Radioaktive Kontamination der Böden in Bayern«, Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen, 06/1987; De Cort, Kelly, »Atlas of Caesium deposition on Europe after the Chernobyl accident«, EU-Report 16733). Nach übereinstimmenden Schätzungen betrug jedoch die durch das Desaster verursachte effektive Äquivalentdosis in Deutschland und Österreich in den ersten Jahren nach der Reaktorkatastrophe weniger als 1 mSv. Heute liegt sie bei einem Tausendstel der natürlichen Strahlenbelastung (Mück, »Strahlenbelastung, Gesundheitseffekte, Sicherheitsaspekte«, Österreichisches Forschungszentrum Seibersdorf, OEFZS 4785; Wurzbacher, »Radioaktive Belastung von Lebensmitteln nach Tschernobyl«, Umweltnachrichten 91/2001, Umweltinstitut München e.V.). Seriöse Analysen zu gesundheitlichen Auswirkungen der vergleichsweise schwach induzierten Radioaktivität sind sehr schwierig. Ein nahe liegender Forschungsansatz ist die Beschränkung auf die bestrahlungssensitivste Phase des Menschen: die ersten 3 Monate seiner Embryonalentwicklung. Toxische Wirkungen aufgenommener ionisierender Strahlung zeigen sich in erhöhten Missbildungsraten und ansteigender Säuglingssterblichkeit. Unter einer Schwellendosis von 50 mSv sollten aber nach geltender radiobiologischer Lehrmeinung derartig leidvolle Erscheinungen statistisch nicht nachweisbar sein. Und tatsächlich, Neugeborenensterblichkeit (Perinatalsterblichkeit) und Totgeburten entwickelten sich in den achtziger und neunziger Jahren in Deutschland und Österreich ohne sichtbare Auffälligkeiten kontinuierlich rückläufig. Doch Hagen Scherb und Eveline Weigelt konnten mit Hilfe linearer logistischer Regressionsmodelle darstellen, dass die beobachteten Sterblichkeitsraten zu den erwarteten relativen Häufigkeiten insbesondere im Jahr 1987 signifikante Überschüsse aufweisen. In ihren bemerkenswerten Arbeiten untersuchten sie schließlich den Zusammenhang zwischen Belastungsverteilung und Sterblichkeit. So wurde beispielsweise deutlich, dass in den Sterberegistern der erwähnten höher belasteten bayerischen Verwaltungsbezirke 1987 mehr als doppelt soviel Totgeburten verzeichnet sind als nach langjährigem Trend erwartet (Scherb, Weigelt, Brüske-Hohlfeld, »Regression Analysis of Time Trends in Perinatal Mortality in Germany, 1980-1993«, Environmental Health Perspectives, vol. 108/2, p. 159-165). Den ersten, international viel beachteten Hinweis auf überzählige Perinatalsterblichkeit in Deutschland nach Tschernobyl lieferte eine Arbeitsgruppe um Prof. Jens Scheer an der Universität Bremen (Lüning, Scheer, Schmidt, Ziggel, »Early infant mortality in West Germany before and after Chernobyl«, The Lancet, vol. 334, p. 1081-1083). Körblein und Küchenhoff modellierten den monatlichen Zusammenhang zwischen ernährungsbedingter Cäsiumbelastung werdender Mütter und Neugeborenensterblichkeit und fanden dabei eine zeitliche Verschiebung von 7 Monaten. Diese Zeitdifferenz spiegelt sich genauso in der hochsignifikanten Abhängigkeit zwischen lokaler Cäsiumexposition von Schwangeren und gesteigerten Fehlbildungsquoten im November und Dezember 1987 in den bayerischen Landkreisen. Die beiden Wissenschaftler stellten außerdem eine Dosis-Wirkungsbeziehung auf. Auch ihre Ergebnisse belegen, dass der zitierte Schwellenwert spätestens nach Tschernobyl seinen dogmatischen Status hätte verlieren müssen (Körblein, Küchenhoff, »Perinatal mortality in Germany following the Chernobyl accident«, Radiation and Environmental Biophysics, vol. 36/1, p. 3-7). Die hier kurz skizzierten Arbeiten wurden mit ungewöhnlicher Schärfe kritisiert. Dabei ging es nicht nur mit berechtigten fachtheoretischen Einwänden zur Sache, denn die politische Brisanz der Arbeiten war von vornherein klar: Die Unhaltbarkeit der umstrittenen Schwellendosis beträfe nicht allein die Beurteilung der begrenzten Folgen einer historischen Katastrophe, sondern generell die Risikobewertung aller bestehenden Reaktorstandorte. (GW snet)

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Monogamie: männlicher Trieb und weibliche Raffinesse - ein mathematisches Modell
Stockholm. »Männer wollen nur das Eine, Frauen hingegen suchen echte Partnerschaft« ist ein (weibliches?) Vorurteil oder vielleicht sogar das Urgeheimnis der Ehe. Zumindest Biologen und Evolutionstheoretiker hatten bislang noch keine wirklich plausible Erklärung zur Entstehung der Einehe gefunden. Das hat sich mit der theoretischen Arbeit von Miguel A. Rodríguez-Gironés und Magnus Enquist geändert (»The evolution of female sexuality«, Animal Behaviour, vol. 61(4), p. 695-704). Die beiden Wissenschaftler integrieren in ihren stochastisch-dynamischen Optimierungsmodellen Elemente der Spieltheorie und zeigen, wie weibliche Strategie das ständig paarungsbereite männliche Geschlecht in Ehe und Pflicht zwingt. Verschleiern nämlich die Weibchen ihren Fertilitätszyklus und signalisieren sie kontinuierlich Empfängnisbereitschaft, haben die Männchen praktisch keine Wahl: Partnerwechsel ist in solchen Populationen biologisch keine gute Option und selbst polygame Systeme mutieren zur Monogamie. Die neue Theorie kann grundlegende empirische Beobachtungen besser erklären als klassische Hypothesen. Das weibliche Geschlecht hat demnach seine sexuelle Aktivität verstärkt, um sich männliche Unterstützung zur Nahrungsbeschaffung und Aufzucht der Nachkommenschaft zu sichern - die Ehe beruht auf weiblicher Taktik. (IH, snet)

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Der kalkulierte Kassenschlager
Los Angeles. Bei Produktionskosten bis über $ 200 Mio. für einen einzigen Film werden auch in Hollywood alle Anstrengungen zur systematischen Erfassung des Kapitalrisikos sehr aufmerksam registriert. Tatsächlich sind in den letzten Jahren zahlreiche wissenschaftliche Publikationen erschienen, die sich mit der quantitativen Vorausbestimmbarkeit von Leinwanderfolgen aus der Investorenperspektive beschäftigen. Übereinstimmend zeigen die statistischen Studien, dass Starbesetzung allein keineswegs den wirtschaftlichen Erfog einer Produktion sichert. Erst mit dem Zusammenwirken und der richtigen Dosierung genrespezifischer Erfolgsfaktoren sind über Filmverleih, der Vergabe von Fernseh- und Lizenzrechten, Video- und DVD-Verkauf hohe Kapitalerträge zu erzielen. Die prozentual höchste Gewinnerwartung spielen nicht die superteuren Megaproduktionen ein, sondern Spielfilme mit Herstellungskosten zwischen drei und vier Millionen Dollar. Hier liegen die Chancen für den europäischen Film. (OJ, snet)

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Gott ist der bessere Scheidungsrichter
London. Dr. Mary Ann S., Mathematikerin und Aktuar einer britischen Versicherungsgesellschaft, war ihrer Ehe nach fast 25 Jahren endgültig überdrüssig. Bevor sich die kluge Frau an einen irdischen Scheidungsrichter wandte, errechnete sie aus den neuesten Sterbetafeln Londons die Überlebenswahrscheinlichkeit ihres übergewichtigen, herzkranken Mannes für die nächsten fünf Jahre. Das Ergebnis habe ihr neue Lebenskraft gegeben und sie in ihrem Glauben an den göttlichen Ratschluss bestärkt, meinte die praktizierende Christin. Und außerdem werde ihr Gottes Vorsehung das nicht unerhebliche gemeinsame Vermögen ungeteilt sichern. - Drei Wochen nach ihrem (un)heimlichen Bekenntnis ist Mary Ann S. bei einem tragischen Jagdunfall ums Leben gekommen. (OJ, snet)

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Lässt sich Eheglück genau berechnen?
Seattle. Aus dem Konfliktlösungsverhalten von mehr als 600 Paaren hat der erfolgreiche amerikanische Sachbuchautor John Gottmann in einer 20-jährigen Studie eine mathematische Formel zur Berechnung von Dauer und Glück einer Ehe entwickelt. Gottmanns Ansatz beruht im Wesentlichen auf der Unterscheidung von drei verschiedenen Streittypen. Partner gleichen Streittyps lebten in einer stabilen Verbindung, für Paare ungleicher Streitkultur lasse sich das Ende ihrer Beziehung vorausberechnen. Kritiker werfen dem selbst ernannten Eheberater grobe methodische Fehler und Unwissenschaftlichkeit vor. (IH, snet)

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Belgischer Euro »gezinkt«?
Warschau, Cambridge. Das deutsche Nachrichtenblatt Die Welt berichtete zur Einführung des Euro, die polnischen Mathematiker Tomasz Gliszczynski und Waclaw Zawadowski hätten herausgefunden, dass eine belgische 1-Euro-Münze das Spiel »Kopf oder Zahl« unfair entscheide, denn bei 250 Spielen habe sich 140 Mal der massige Kopf des belgischen Königs Albert gezeigt. Exakt oder mit Hilfe der Gauß-Approximation (DeMoivre-Laplace Theorem) ließ sich jedoch leicht nachrechnen, dass unter der Annahme idealer Münzprägung das polnische Versuchsergebnis oder noch ungewöhnlichere Abweichungen mit einer Wahrscheinlichkeit von immerhin 6,6% zu erwarten sind. Eingeschworenen Euroskeptikern war auch dieses Ergebnis durchaus suspekt. Nun sind die Briten bekanntermaßen keine Euro-Euphoriker. Aber nur wenige Tage nach Veröffentlichung der Besorgnis erregenden Meldung wurde aus dem britischen Königreich ein sehr schöner Beitrag zur Ehrenrettung der europäischen Münzpräger vorgelegt. Prof. David J.C. MacKay von der Universität Cambridge zeigte mit Hilfe eines verallgemeinerten Bayes-Modells, dass der polnische Spielverlauf das Verhältnis von These zu Antithese immer noch 2:1 zugunsten des Euro entscheidet. Inzwischen hat sich der Euro nicht nur als Spielgeld bewährt. Übrigens verbreitete sich damals der erwähnte Welt-Artikel wie ein Lauffeuer. Europaweit sollen in vielen Redaktionen belgische Euro-Münzen gekreiselt worden sein, angeblich stets mit ähnlichen Ergebnissen wie in Polen. - Ach, wie war das doch gleich mit der sorgfältigen journalistischen Recherche? (IH, snet)

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